07.02.2012 - Die Würde bleibt auf der Strecke

Seit einigen Jahren steigt die Zahl notleidender Menschen in unserem Land in alarmierendem Ausmaß und schneller als in allen anderen Industriestaaten. Den wichtigsten Grund dafür liefern die Folgen der – an sich politisch sinnvollen – Zusammenlegung und Neustrukturierung von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld im Jahr 2004 aufgrund der Hartz-Gesetzgebung. Die gesetzlich verankerten Pauschalzahlungen sind – mittlerweile gutachterlich bestätigt – nicht ausreichend. 

Armut ist ein Thema, das unsere tägliche Arbeit im Frauenobdach Karla 51 mehr denn je prägt. Denn: „Armut ist weiblich“. Dieser alte Slogan hat an Aktualität nichts eingebüßt. 
Arm sind fast alle unsere Bewohnerinnen im Frauenobdach, arm sind die Frauen, die unser Café ambulant besuchen und arm sind die vielen Frauen, die uns in ihrer Verzweiflung einmal um Hilfe bitten. Wir sind froh, dieser großteils vom Gesetzgeber verursachten Armut mit einem breiten Fächer an Unterstützungsmöglichkeiten begegnen zu können – auch wenn diese Art der Hilfe sozialpolitisch durchaus zu hinterfragen ist.
Denn diese Unterstützungen können wir nur aufgrund des Spendenengagements von Privatleuten, Firmen und Stiftungen anbieten. Unsere Klientinnen bekommen neben verschiedensten Dingen des täglichen Bedarfs Lebensmittel, Bekleidung und individuell notwendige Geldbeträge. Wir sind froh, dass es zahlreiche Spendenquellen gibt. 
Ein paar Beispiele: Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen sortieren Kleiderspenden und bieten einmal wöchentlich eine Wäsche- und Bekleidungsausgabe an. Einmal im Monat können Mütter komplette Kinderausstattungen erhalten. 
Unser preiswertes Café Karla bietet ihnen unter anderem eine warme Mahlzeit für 65 Cent an; hier können sie auch kostenlos ihre Wäsche waschen. Jeden Dienstag packen wir 60 Lebensmitteltüten für unsere Café-Besucherinnen mit Spenden, die uns die Münchner Tafel oder die „Möwe Jonathan“ liefert; früher waren das lediglich 30 Tüten. Auch unsere Bewohnerinnen erhalten einen Teil dieser Lieferungen, so dass wir jede Woche rund 100 Frauen unterstützen können. Ehrenamtliche Helferinnen unterstützen uns bei dieser Arbeit.
In Beratungsgesprächen klären wir, wie eine finanzielle Notlage gemildert werden kann: Genügt ein kleinerer Bargeldbetrag als Vorschuss oder Zuschuss? Bedarf es einer größeren Summe, für die wir einen Antrag bei einer Stiftung formulieren müssen? Muss ein Termin bei der Schuldnerberatung vereinbart werden?
Wir können somit durch die Hilfe vieler Menschen die eine oder andere akute Notlage abmildern. Was bleibt, ist die Tatsache, dass Hartz IV, Billiglöhne und Niedrigrenten einen viel zu großen Teil der Bevölkerung zu Bittstellern gemacht haben. Die Würde dieser Menschen ist nicht nur antastbar – sie bleibt auf der Strecke.
Der Betrag von Arbeitslosengeld II, der Kindern zusteht und auf den fast 20.000 Münchner Kinder angewiesen sind, reicht nicht für das Mittagessen in der Schule, er reicht nicht für sinnvolles Spielzeug, nicht für den Eintritt ins Freibad und nicht für ein bisschen Taschengeld. Das so genannte Bildungspaket hilft da auch nicht weiter.
Was ist los in einem der reichsten Länder der Welt, wenn Menschen vor Glück weinen, weil sie Geld für einen Wintermantel gespendet bekommen? Welche seelischen Spuren hinterlassen längere Zeiten mit Not, Verzicht und Entbehrung? Wie tief prägt es, aufgrund von Armut ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristen zu müssen? Wie verändert sich die Persönlichkeit von Menschen, die regelmäßig um Spenden bitten müssen und dabei mit anderen Bedürftigen konkurrieren? Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn ihr Mittelstand schwindet, ihre Bürger entweder arm oder reich sind – und diese Schere immer weiter auseinanderklafft?
Notwendig im ursprünglichen Sinne des Wortes ist die Weiterentwicklung der Hartz-IV-Gesetze, die ein erster Schritt waren zur ökonomisch sinnvollen Bündelung staatlicher Unterstützung. Doch für Studenten, Behinderte und Kranke, Alte, Arbeitslose, Erwerbsunfähige, für alle, die – aus welchen Gründen auch immer – vorübergehend oder auf Dauer nicht zur finanziellen Eigenständigkeit fähig sind, könnte eine Art Grundeinkommen geschaffen werden. Dessen Höhe sollte zusätzlich zur sicheren materiellen Versorgung auch eine bescheidene Teilnahme am gesellschaftlichen Leben garantieren.
Jahrelang waren wir gewillt zu glauben, dass für solch ein Modell kein Geld in den Kassen sei. Wenige Wochen nach Aufspannen des europäischen Euro-Rettungsschirms mit prompten staatlichen Subventionszahlungen in Milliardenhöhe möge dies bitte niemand mehr behaupten.

Ursula Retz

Immer mehr Menschen werden dauerhaft zu Bittstellern.


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