06.04.2011 - Therapie gegen den Rückfall

Es ist ein ganz normales Bürogebäude mitten in München. Passanten strömen vorbei und sehen die vielen Schilder mit den Namen der Arztpraxen. Auf einem Schild steht „Psychotherapeutische Fachambulanz“ und wer dem Schild in den sechsten Stock folgt, ahnt kaum, was hinter dieser weißen Tür passiert: Seit gut zwei Jahren werden in den hellen Räumen mit den Graffiti-Fotografien an der Wand Sexualstraftäter psychotherapeutisch behandelt.

Freiwillig sind nur die wenigsten hier, haben doch die meisten die gerichtliche Auflage für diese Therapie. Doch ein Großteil der Männer kommt nach dem ersten Gespräch wieder in die Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks. „Wir haben eine Anbindungsquote von 70 bis 80 Prozent“, sagt Markus Feil, der Leiter der Fachambulanz.

 

 

 

„Psychotherapie senkt die Rückfallquote“, weiß der Psychotherapeut – das ist nicht nur die Arbeitsgrundlage der Fachambulanz, sondern mittlerweile auch wissenschaftlich untermauerter Fakt: Bei sozialtherapeutisch behandelten Tätern ist das Rückfallrisiko um ein Drittel niedriger als bei unbehandelten. Auf diese Erfolgsquote setzt auch das Bayerische Justizministerium, das die Fachambulanz seit Anbeginn zu hundert Prozent finanziert. Justizministerin Beate Merk hat das Budget in diesem Jahr sogar verdoppelt: Seit März 2011 können nun 4,75 therapeutische Stellen finanziert werden statt der bisherigen zwei.

 

„Und das ist richtig so“, findet Feil, denn seine Einrichtung habe die Prävention im Blick. In den vergangenen zwei Jahren des Bestehens haben sich mehr als 320 Männer in der Fachambulanz gemeldet; 80 Prozent standen unter Führungs- oder Bewährungsaufsicht und haben die Auflage, eine Therapie zu machen. Mehr als die Hälfte von ihnen geht das auch wirklich an. Wer gar nicht kommt oder abbricht, muss mit juristischen Sanktionen rechnen. Im Zweifelsfall geht das bis zur Inhaftierung.

 

Die Männer kommen aus allen Bevölkerungsschichten, aus der sogenannten Oberschicht sind es eher wenige. Ihr Alter liegt zwischen 15 und 79 Jahren, mehrheitlich sind sie zwischen 20 und 40 Jahre alt. Mehr als die Hälfte haben Straftaten an Kindern verübt – von Kinderpornographie bis zu sogenannten „Hands-on-Delikten“. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Erwachsener machen einen weiteren Schwerpunkt aus. Die überwiegende Mehrzahl der Delikte hat im persönlichen Nahbereich stattgefunden. Markus Feil: „Die meisten Täter und Opfer kennen sich schon länger: der Stiefvater die Tochter seiner Frau, der Onkel den Neffen.“ Was das Problem natürlich noch größer erscheinen lässt: Inzestuöser Missbrauch ist gesellschaftlich noch stärker sanktioniert.

 

Kommt ein Sexualstraftäter nach der ersten Tat zu ihm in die Therapie, so könne er als Psychotherapeut prognostisch gut auf ihn einwirken. „Wir fragen nach inneren Bedingungen, die zu dem Verhalten geführt haben: ‚Welche Bedürfnisse blieben unbefriedigt? Wie war die familiäre Situation? Was hat derjenige als Kind erlebt?’“ sagt Feil. Ist der Klient einsichtig, können Feil und seine Kollegen mit der Therapie beginnen.

 

In vielen Fällen müssen sie jedoch erst einmal ein gewisses Maß an Motivation und Einsicht herstellen, bevor ein therapeutisches Gespräch stattfinden kann. „Mein Gegenüber muss sich einlassen wollen, er darf nicht mehr ausweichen, er muss hinsehen und sich fragen: ‚Was habe ich für einen Schaden angerichtet?’“, erläutert Markus Feil. Das erfordere Mut, denn daran schließt sich die Frage an, wie er mit der Schuld weiterleben kann, mit sich selbst und in der Gesellschaft. „Ein guter therapeutischer Prozess ist dann gegeben, wenn Therapeut und Patient an einem Strang ziehen, wenn sie gemeinsam an den persönlichen Problemen, die für die Gefährlichkeit relevant sind, arbeiten und das selbstkritische Bewusstsein des Klienten stärken“, erklärt Feil.

 

Über diesen helfenden und vor allem präventiven Ansatz der Fachambulanz müsste in der Öffentlichkeit viel mehr gesprochen werden, sagt der Psychotherapeut. Vielleicht könnte die nüchterne Darlegung von Fakten helfen: Rein statistisch betrachtet liegt der Anteil an Sexualstraftaten – bezogen auf alle Delikte in Deutschland – bei knapp einem Prozent. Durch die Berichterstattung in den Medien habe jedoch die Mehrheit der Bevölkerung den Eindruck, es gebe überproportional viele „Triebtäter“.

 

Dabei werden, statistisch gesehen, von zehn Sexualstraftätern lediglich zwei in ihrem Leben wieder einschlägig rückfällig. Der Satz „Einmal Sexualstraftäter – immer Sexualstraftäter“ stimme eben nicht. Aber – und auch das sagt Markus Feil: „Ich bin nicht der Meinung, dass man jeden Sexualstraftäter entlassen kann.“ Welcher Täter rückfallgefährdet sei, könne heute in der Regel sehr gut identifiziert werden. „Es gibt Täter, die lebenslang sehr gefährlich bleiben und die gehören auch in Sicherungsverwahrung. Die anderen sollen eine zweite Chance bekommen“, lautet sein Credo. Und in so einem Fall hat der Psychotherapeut prinzipiell auch nichts gegen eine elektronische Fußfessel.

Mittlerweile gibt es in Bayern drei Fachambulanz für Sexualstraftäter: Neben der in München finanziert das Justizministerium jetzt auch Einrichtungen in Nürnberg und Würzburg. Sie alle wollen Sexualstraftätern helfen, mit sich und der Umwelt klarzukommen. Ist das therapeutische Gespräch erfolgreich verlaufen, dann sind Markus Feil und sein Team als Ansprechpartner für ihre Patienten auch weiterhin da. „Sie sollen lernen, auf ihre inneren Alarmglocken zu hören und sich dann bei uns melden.“ In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat das gut geklappt.

 

Sandra Zeidler

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die Fachambulanz für Sexualstraftäter inmitten von München


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