06.04.2011 - Die etwas anderen Beratungsstellen

Michaela Fröhlich und Sabine Skutella sind ausgebildete Sozialpädagoginnen – und ein Stück weit auch Psychologinnen und Juristinnen. Denn für ihre Arbeit müssen sie auch Bescheid wissen über Ausländer- und Arbeitsrecht, Steuerfragen und Stadtratspolitik. Und brauchen oft viel Geschick und Einfühlsamkeit.

Die beiden Frauen arbeiten bei den Beratungsstellen für Prostituierte, die das Evangelische Hilfswerk München betreibt: „Mimikry“ unterstützt anschaffende Frauen, „Marikas“ junge Stricher. Die Einrichtungen mit Sitz in der Dreimühlenstraße arbeiten eng zusammen: Sechs Mitarbeitende teilen sich viereinhalb Stellen; Fröhlich ist die Leiterin, Skutella ihre Stellvertreterin.

 

Die Aufgabe bei Mimikry heißt: Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen verbessern. „Wir wollen niemanden bekehren, wir akzeptieren die Arbeit der Frauen“, sagt Sabine Skutella. Deshalb bietet Mimikry ihnen Beratung in verschiedenen Bereichen an: „Die Frauen kommen mit vielen Fragen zu uns: Steuerfragen, Überschuldung, Beziehungsprobleme, Ausstieg aus der oder auch Einstieg in die Prostitution“, sagt Michaela Fröhlich.

 

Außerdem machen die Mimikry-Mitarbeiterinnen Streetwork: Sie suchen die Frauen in ihrem Arbeitsumfeld auf. „Dafür braucht man ein gutes Gespür“, sagt Fröhlich. „Man muss merken: ‚Störe ich, platze ich irgendwo rein?’“ Denn wenn dort sonst jemand an der Türe klingelt, ist es meist die Polizei oder das Ordnungsamt.

 

„Es ist ein Vorurteil, dass Prostituierte immer Opfer sind und mit Kriminalität zu tun haben“, sagt Skutella. Viele Osteuropäerinnen hätten ihren Lebensmittelpunkt in der Heimat, kämen für ein paar Monate nach Deutschland und gingen dann wieder zurück. „Sie machen ihren Job aus finanziellen Erwägungen. Das mache ich auch. Aber es wird völlig anders bewertet.“

 

Das größere Problem, so Skutella, seien die Rahmenbedingungen, die die Stadt München vorgibt: Auf der Karte in Michaela Fröhlichs Büro ist nahezu die gesamte Stadtfläche rot: Sperrbezirk. Nur in manchen Industriegebieten ist Sexarbeit erlaubt. In der Stadt gibt es wenige „Toleranzzonen“ wie die Hansastraße: „Dort ist Anbahnen erlaubt, nicht aber Arbeiten“, erklärt Fröhlich. 

Weil aber im Sperrbezirk der bezahlte Sex auch nicht in Hotels oder den Privatwohnungen der Prostituierten stattfinden darf, müssen sie sich teuer in Appartementhäuser oder Bordelle einmieten. „Die Sperrbezirksverordnung wurde erlassen zum Schutz der Jugend und der öffentlichen Ordnung“, sagt Skutella. Das sei jedoch völlig überholt: „Jugendliche haben heutzutage übers Internet Zugang zu pornografischen Inhalten, dagegen ist jeder Puff harmlos.“

 

Die Beratungsstelle hat eine lange Tradition: In den 30er-Jahren entstand die „Evangelische Mitternachtsmission“, 1990 ging daraus Mimikry hervor. Marikas folgte ein paar Jahre später. „Bei der Arbeit mit den Frauen haben wir festgestellt, dass es auch viele  Männer gibt, die Hilfe brauchen“, sagt Skutella. Auch ihnen bietet Marikas Beratung an, aber unter völlig anderen Voraussetzungen. „Bei den Männern ist Prostitution meist kein Beruf, sondern eine Überlebensstrategie“, sagt Fröhlich. Die meisten Stricher seien derzeit Roma aus Bulgarien, die in ihrem Heimatland diskriminiert werden. Sie sprechen kein Deutsch, manche sind sogar Analphabeten. Sie haben oft keine Wohnung und arbeiten in der Schwulen-Szene rund um das Sendlinger Tor und den Gärtnerplatz – mitten im Sperrbezirk.

 

Die Angebote von Marikas sind entsprechend ausgerichtet: Dreimal pro Woche öffnet um halb sieben Uhr morgens die Anlaufstelle, wo die jungen Männer schlafen, duschen, Wäsche waschen oder einfach mal ihrem harten Arbeitsalltag entfliehen können. Es gibt ein warmes Essen, das die Mitarbeitenden von Mimikry und Marikas selbst kochen.

 

Köche sind die Mitarbeitenden also auch manchmal, und oft auch Netzwerker: Sie vermitteln ihre Klienten an andere Beratungsstellen – oder zu Ärzten, die  umsonst oder für einen symbolischen Betrag behandeln. „Neulich hat einer für 60 Euro eine Zahnplombe bekommen“, erzählt Michaela Fröhlich. Eine große Hilfe für ihren Klienten – und ein Erfolgserlebnis für sie.

 

Susanne Hagenmaier 

Mimikry und Marikas helfen Frauen und Männern, die anschaffen gehen


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