06.04.2011 - Begegnung auf Augenhöhe

Dumm, stur und störrisch – das sind wohl die gängigsten Vorurteile gegenüber Eseln. „Die stimmen nicht“, sagt Friederike Dajek, Sozialpädagogin beim Evangelischen Beratungsdienst für Frauen. „Sie sind geduldig, sozial, intelligent, lernfähig und sehr sensibel.“ Und somit die idealen Tiere für das tiergestützte Projekt für wohnungslose Frauen, das der Beratungsdienst, eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks, seit vier Jahren zusammen mit der Asinella Eselfarm anbietet. 

Gretl, Wally und Liese zum Beispiel: Die drei Grautiere sind heute zum ersten Mal im Englischen Garten. Geduldig warten sie, dass der Spaziergang zum Chinesischen Turm losgeht. Diesig und kalt ist es an diesem Samstagvormittag – trotzdem kommen zehn Frauen. Viele kennen die Eseldamen schon, bei den regelmäßigen Besuchen auf der Farm am Ammersee sind sie Stammgäste. Und haben dort ihr „Lieblingstier“ gefunden: Die zurückhaltende Wally, die freche Gretl – oder die gutmütige Liese.

 

Andrea Müller* reicht dem zotteligen Tier gerade einmal bis zum Rücken. Sanft krault die 40-Jährige den Esel hinter den Ohren, der beugt vertrauensvoll seinen Kopf zu ihr. „Liese gibt mir Liebe, Geborgenheit und Zuversicht“, sagt die zierliche Frau mit der dunklen Brille. „Das tut mir gut.“ Sie habe „viel Schlimmes“ erlebt, erzählt sie, die Zeit mit den Eseln helfe, das abzubauen.

 

Schwierige Lebensbedingungen verbinden die Frauen, die heute im Englischen Garten dabei sind: Viele haben Gewalt erfahren, manche auch sexuelle Übergriffe, einige haben psychische Probleme, andere kommen gerade aus dem Gefängnis. „Einen übergroßen Mangel an Zuneigung, das ganze Leben lang“, hat Friederike Dajek bei ihren Klientinnen festgestellt. Die Esel sollen diesen Mangel etwas ausgleichen.

 

„Tiere wecken etwas Lebendiges in den Frauen“, hat sie oft beobachtet. Sie spüren den Esel, wenn sie ihn streicheln, bürsten oder am Seil führen. Das regt die Gefühle an. Die sozialen Fähigkeiten und Kompetenzen der Teilnehmerinnen möchte Friederike Dajek so hervorholen. Die Eselbegegnungen sollen sie stabilisieren und ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln – auf vielen Ebenen: Bewegung ist gut für die Gesundheit, der Umgang mit dem Esel fordert sie heraus, sie lernen etwas, über das Tier und über sich selbst.

 

Auf den Esel – und die Asinella Eselfarm – gekommen ist die Sozialpädagogin, als sie für ihre Weiterbildung zum Thema „Tiergestützte Aktivitäten und Fördermaßnahmen“ an der Veterinärmedizinischen Universität Wien einen Praktikumsplatz gesucht hat. „Esel begleiten den Menschen seit 6.000 Jahren bei der Arbeit“, sagt sie. „Tier und Mensch begegnen sich auf Augenhöhe.“ Weil es bei Eseln in der Gruppe wenig Hierarchie gebe und sie auf Harmonie bedacht seien, seien sie besonders für tiergestützte Projekte geeignet, erklärt Anahid Klotz von der Asinella Eselfarm. „Sie sind ehrlich und weisen sehr direkt auf eigene Bedürfnisse hin.“

 

So wie Liese. Sie möchte lieber an den Sträuchern knabbern als auf dem Kiesweg zum Monopteros hochsteigen. Andrea Müller schiebt sie mit einem Stups wieder auf den Weg zurück. „Man muss dem Esel schon sagen, wo er hingehen soll“, sagt sie. Das hat sie bei den Eseltagen am Ammersee gelernt. Diese stehen immer unter einem Thema, zu dem die Teilnehmerinnen spezielle Übungen mit den ausgebildeten Eseln machen, zum Beispiel zu „Kontakt aufnehmen“, „Erfolg erleben“, Konzentration und Geduld“. Die Lektion im Englischen Garten ließe sich wohl am ehesten mit dem Thema „Verhalten in einer neuen Umgebung“ umschreiben: Gretl, Wally und Liese sind einfach ruhig geblieben und haben sich auf das verlassen, was sie schon können. Und das hat funktioniert.

 

* Name von der Redaktion

 

Isabel Hartmann 

„Eseltag“ im Englischen Garten: Evangelischer Beratungsdienst für Frauen setzt auf tiergestützte Pädagogik


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