05.11.2013 - Eine humanitäre Antwort für die europäische Armutswanderung

Das neue Beratungszentrum „Schiller 25“ für wohnungslose Migranten aus Süd- und Südosteuropa wird schon wenige Tage nach seiner Eröffnung von der Zielgruppe gut angenommen. Schon in den ersten vier Tagen hätten durchschnittlich 15 Beratungen stattgefunden. „Sie suchen Arbeit und Unterkunft – und haben meist keine Vorstellung, wie schwierig das in München ist“, sagte die Leiterin der Einrichtung, Andreea Untaru, bei der offiziellen Eröffnung der Räume.

So sei vor wenigen Tagen eine bulgarische Familie mit sechs Erwachsenen und drei Kindern im Alter von drei und sechs Jahren dagewesen, die von Spanien über Italien nach Deutschland gekommen war. Als ihnen die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens klar gemacht werden konnte, habe sie über die Bahnhofsmission dann Rückfahrkarten in ihre Heimat bekommen.

Die Beratungsstelle „Schiller 25“, die im Bereich des südlichen Bahnhofsviertels liegt, hat in der kalten Jahreszeit jeden Tag von 14 bis 22 Uhr geöffnet, auch an Feiertagen und Wochenenden. Ein Team von vier Sozialpädagoginnen berät – auch auf rumänisch und bulgarisch – und übernimmt bei Minusgraden und schlechtem Wetter die Einweisung in die Übernachtungsplätze, die die Stadt München im Rahmen ihres Kälteschutzprogramms zur Verfügung stellt. In Spitzenzeiten ergänzen bis zu 20 Hilfskräfte die Arbeit der Beraterinnen.

Rudolf Stummvoll, Leiter des städtischen Amtes für Wohnen und Migration, dankte dem Evangelischen Hilfswerk, dass die neuen Räume so schnell geschaffen werden konnten. Im vergangenen Winter habe er jede Nacht aus Angst um mögliche Kältetote schlecht geschlafen, „jetzt bin ich unendlich glücklich, dass es diese neue Beratungsstelle gibt“.

München erlebe seit Jahren einen enormen Zuzug von Menschen aus Osteuropa, die im bestehenden Hilfesystem keine Ansprüche haben. Weil in der Stadt jedoch niemand unter Brücken oder Unterführungen schlafen soll, seien neue Konzepte gefragt gewesen. „Schiller 25“ sei die passende „humanitäre Antwort“, die noch dazu punktgenau zu Beginn der Frostperiode eröffnet worden sei, so Stummvoll.

Gleichzeitig prognostizierte er einen weiteren Anstieg der Zahl der Arbeitsmigranten: Zwar könne man nicht jedes Problem lösen, das durch die Armutswanderung in Europa entsteht, Anspruch auf Beratung hätten aber alle, die kommen. Stummvoll wörtlich: „Jeder der nach München kommt, ist willkommen – unabhängig, ob er viel Geld hat oder keines.“

Der Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks, Gordon Bürk, wies auf die Not der Menschen in ihren Heimatländern hin, die sie forttreibe: „Die Lebensumstände sind teilweise katastrophal; Hunger, Diskriminierung und Arbeitslosigkeit sind an der Tagesordnung.“ Zugleich kritisierte er die Untätigkeit der Politiker in diesem Zusammenhang: „Die europäische Politik hat keine Antworten gefunden auf diese Probleme.“ Zur Festlegung von Standards für Salatgurken gebe es hochrangige Kommissionen, „wenn es um die Standards des Existenzminimums europäischer Bürger geht, schaut man weg,“ sagte Bürk.

Mit der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit vom Januar kommenden Jahres an würden „noch viel mehr Menschen ihr Glück in München suchen“. Wichtig sei dann, gemeinsam mit ihnen die Frage nach einer Zukunftsperspektive zu stellen. „Die neuen Räume in Bahnhofsnähe sind dabei Gold wert, weil sie genau dort liegen, wo diese Leute ankommen.“

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Im vergangenen Winter haben 1.764 Personen einen Schlafplatz in einer der städtischen Unterkünfte zugewiesen bekommen; insgesamt gab es rund 22.000 Übernachtungen im Kälteschutz. Die Stadt München verfügt dieses Jahr über rund 550 Plätze; die meisten davon befinden sich in zwei Gebäuden der ehemaligen Bayern-Kaserne sowie im Haus International. Für absolute Notfälle steht zudem noch ein ehemaliger und jetzt umgebauter Bunker unter dem Elisenhof zur Verfügung.

Klaus Honigschnabel

Kontakt: 
Schiller 25 - Migrationsberatung Wohnungsloser, Schillerstraße 25, 80336 München, Telefon: (089) 54 59 41 40;
täglich geöffnet von 14 bis 22 Uhr (auch sonn- und feiertags)

 

Neues Beratungszentrum "Schiller 25" für wohnungslose Migranten wird gut angenommen.


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