05.08.2014 - Auf der Suche nach einer besseren Zukunft

Erst vor ein paar Wochen ist die Tagesbetreuung für obdachlose Familien, die das Evangelische Hilfswerk zu Jahresbeginn im Treffpunkt Familie International „Treffam“ eingerichtet hatte, ins Haus 20 auf dem Gelände der ehemaligen Bayern-Kaserne umgezogen. Und nun müssen bald schon wieder die Umzugskartons gepackt werden – diesmal allerdings aus erfreulichem Grund: Der Stadtrat hat Anfang Juni einstimmig grünes Licht für eine erweiterte Finanzierung des Tagesangebots gegeben.

Und noch mehr: Die Tagesbetreuung soll künftig ein festes Angebot werden. Zwei Vollzeitstellen für Sozialpädagogen sind vorgesehen, dazu noch etwas mehr als eine halbe Stelle für Leitung und Verwaltung. Zudem kann das Evangelische Hilfswerk eigene Räume anmieten und einrichten. Ein Objekt der GWG im Westend steht bereits in Aussicht. Zentral, gut erreichbar und schön gestaltbar. 

Nachdem bei Treffam der Platz zu knapp wurde, stand in der Bayern-Kaserne nur ein spärlich eingerichteter Gruppenraum mit einem zusätzlichen kleinen Büro zur Verfügung. Mit kahlen Wänden, wenig Spielsachen und zwei Sitzgarnituren für die Familien. „Das war immer nur als Provisorium gedacht“, sagt Andrea Betz, Bereichsleiterin beim Evangelischen Hilfswerk. Auch bei der Betreuung der Familien musste bisher improvisiert werden. Zwischen 17 und 25 Menschen kommen täglich von 10 bis 16 Uhr, Mütter und Väter mit ihren Kindern, aber auch Schwangere. 

Betreut wurden sie bisher nur von Hilfskräften. Die spielten mit den Kindern, halfen den Müttern beim Deutschlernen, teilten Essen aus, das ein Caterer anliefert. Nur: Die umfassende Beratung, die die Familien aus Süd- und Südosteuropa brauchen, konnten sie nicht leisten. Nur in Notfällen sprangen ihnen Kolleginnen von der Beratungsstelle „Schiller 25“ zur Seite.

Das soll sich nun ändern. Nach dem Willen der Stadt sollen die zwei Sozialpädagogen künftig Kontakt zu obdachlosen Familien mit Kindern aufzunehmen, wo sie sich auch gerade aufhalten. Die Stadt will nicht, dass sich Armutssituationen auf der Straße verfestigen, dass die Menschen wild in Grünanlagen campieren oder im schlimmsten Fall ihre Kinder zum Betteln schicken.

In der Tagesbetreuung sollen die Eltern umfassend beraten werden zu ihrer Situation in München und ihren Perspektiven. Zudem sollen die Fachkräfte helfen auf der Suche nach einem Kindergartenplatz oder dem passenden Schulangebot für die Kinder. „Uns ist es besonders wichtig, die Kinder in Bildungseinrichtungen zu bringen“, sagt Andrea Betz. Denn nur dann hätten sie eine Chance hier. Die Kinder seien motiviert und lernwillig. „Erst neulich hatten wir ein zehnjähriges Roma-Mädchen in der Tagesbetreuung, das unbedingt lernen wollte, seinen Namen zu schreiben“, erzählt Betz.

Und die Kinder lernen schnell. Irina B.* kommt mit ihren drei Kindern seit drei Monaten in die Tagesbetreuung. Die beiden älteren, acht und zehn Jahre alt, gehen bereits zur Schule. „Mein Sohn versteht schon fast alles“, sagt die Mutter stolz. Sie stammt aus Italien. Nach der Trennung von ihrem Mann hatte sie dort niemanden mehr, der sie unterstützte, und kam mit den Kindern zu einer Freundin nach München. Die setzte sie jedoch bald vor die Tür; die Mutter stand mit den Kindern auf der Straße. Die Stadt hat sie vorübergehend in einer Pension untergebracht. Morgen hat sie ein Vorstellungsgespräch in einem Schnellrestaurant. Und hofft, bis Jobbeginn ihre Kleinste (2) in einer Krippe unterzubringen.

Eine Arbeit zu finden, daran scheitert es selten. Gerade im Niedriglohnsektor finden viele Armutszuwanderer einen Job. Das Problem ist die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt – und die Situation der Armutszuwanderer selbst: „Sie haben keinerlei Ansprüche auf Sozialleistungen oder auf eine Unterbringung“, sagt Andrea Betz.

Auch Kaela K. hat einen Job in einem Hotel nicht bekommen, weil sie keinen festen Wohnsitz angeben konnte. „Sie hatten wohl Angst, ich schlafe dann heimlich bei ihnen“, sagt sie. Doch auch sie wartet ohnehin noch auf eine Zusage für einen Krippenplatz für ihren einjährigen Sohn. Über eine Zwischenstation in Italien ist sie in München gelandet.

In der Nähe von Neapel hatte sie zusammen mit ihrem Freund gelebt und gearbeitet – im Schlachthof, als Putzfrau – „alle Jobs, die sonst keiner machen wollte“. Dann wurde sie schwanger und ihr Freund ließ sie sitzen. Hilfe vom Staat bekam sie nicht. Und sie fürchtete, ihr könnte das Kind weggenommen werden. So fuhr sie nach München. „Hier lässt man Menschen nicht im Stich“, hatte sie gehört.

Münchens Ruf als reiche Stadt mit viel Arbeit für jeden – das ist es, was die Menschen hierher zieht. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Überwiegend kommen sie aus Osteuropa, aus Bulgarien und Rumänien. Menschen, die hier dank der neuen EU-Freizügigkeit zwar arbeiten dürfen, aber für die die Stadt nicht verantwortlich ist. Eigentlich. Denn hinsichtlich des Kinder- und Jugendschutzes ist die Stadt sehr wohl in der Pflicht. Und um die Kinder zu schützen, setzt sie nun verstärkt auf die Tagesbetreuung durch das Evangelische Hilfswerk.

*Name von der Redaktion geändert

Christine Pauli

BU: Das Tagesangebot für obdachlose Familien, derzeit in provisorischen Räumen in der Bayernkaseren, zieht bald in eigene Räume um.

Foto: Christine Pauli

Die Tagesbetreuung für obdachlose Familien aus Südosteuropa wird ein festes Angebot.


zurück