05.07.2013 - Von der Haft in ein eigenständiges , selbstbestimmtes Leben

„Genau hinschauen“, sagt Anita Stich, das sei das Wichtigste bei ihrem Job: Genau zu klären, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist und wie es weitergehen kann. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet die 50-Jährige im Bodelschwingh-Haus. Und begleitet dort straffällig gewordene Männer nach ihrer Haft bei ihren ersten Schritten zurück in ein eigenständiges Leben. 

Genau 51 Jahre gibt es die Einrichtung im Münchner Bahnhofsviertel mittlerweile. Als „Aufnahmeheim für Jugendliche und junge Erwachsene aus der Sowjetischen Besatzungszone“ wurde das Bodelschwingh-Haus 1962 eingeweiht; seit 1969 liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf der Betreuung von Haftentlassenen. Das Ziel – die Männer wieder in die Gesellschaft zu integrieren – ist gleich geblieben, doch die Arbeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stets gewandelt. 
Als Anita Stich 1994 im Bodelschwingh-Haus anfing, da waren aus den Zwei- und Drei-Bett-Zimmern schon Einzelzimmer geworden. Der Leiter wohnte noch in einer eigenen Wohnung im sechsten Stock. Heute ist nur noch die Pforte rund um die Uhr besetzt. 35 Männer leben in fünf Wohngruppen in dem Haus, zwischen 25 und 35 Jahren sind die meisten. Immer sieben teilen sich auf einem Stockwerk eine Küche, das Bad und einen Gruppenraum. 
„Ein Wahnsinnsschritt“ sei es, nach der Haft wieder im normalen Leben anzukommen, sagt Anita Stich. Sie hilft den sieben Bewohnern im vierten Stock dabei. Mindestens einmal in der Woche hat sie ein Einzelgespräch mit ihnen und schaut, wo es gerade klemmt: Sie hilft bei Bewerbungen, geht mal mit auf Behörden, regelt mit den Bewohnern ihre Schulden. Die haben viele hier im Haus. „Manche stehen dann mit zwei Plastiktüten voller ungeöffneter Rechnungen da“, erzählt sie. Dann heißt es erstmal sortieren. 
Ein Gefühl von Gemeinschaft sollen die Männer im Bodelschwingh-Haus erleben. Deshalb gehören gemeinsame Unternehmungen zum festen Programm – in der Wohngruppe oder mit allen zusammen: mal wird zusammen gekocht, mal geht es zum Klettern oder ins Museum. Im Keller gibt es einen Gemeinschaftsraum mit Kicker und Tischtennisplatte. Zur Schafkopfgruppe kommen auch noch ehemalige Bewohner. Vorigen Sommer waren ein paar Bewohner und Sozialpädagogen zusammen am Gardasee.
Viel Motivationsarbeit gehöre zu ihrem Job, sagt Stich: das Vertrauen in sich selber – und in andere – wieder aufzubauen. Denn der Weg in ein eigenständiges Leben birgt viele Hindernisse: Eine eigene Wohnung und Arbeit zu finden, das sind die wichtigsten Schritte dahin – und die schwierigsten. „Das war früher leichter“, erinnert sich die Sozialpädagogin. „Aber jetzt ist der Wohnungsmarkt absolut dicht, selbst die Sozialwohnungen sind brutal knapp.“ Und die meisten Bewohner haben schlechte Voraussetzungen: Schufa-Einträge und – wenn überhaupt – schlecht bezahlte Jobs. Deshalb hat das Evangelische Hilfswerk eigene Wege geschaffen: 2006 entstand eine Außen-Wohngemeinschaft des Bodelschwingh-Hauses für Haftentlassene, die längere und intensivere Betreuung brauchen. Andere finden im Betreuten Wohnen für junge Strafgefangene der Teestube „komm“ einen Platz.
Schwieriger ist auch die Suche nach Arbeit geworden: „Früher gab es noch Nischen im Helferbereich“, erzählt Stich. „Wenn ich jetzt mit unseren Bewohnern nach Lehrstellen suche, dann haben die mit ihrem Hauptschulabschluss oder Quali kaum eine Chance.“ Und doch feiern sie immer wieder kleine Erfolge: Ein Bewohner, der das Gymnasium abgebrochen hat, macht jetzt eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten; andere haben übers Arbeitsamt Umschulungen zu Lagerfacharbeitern oder Ausbildungen in der Gastronomie bekommen. 
Professioneller sei die Hilfe mit den Jahren geworden, findet Martina Stich. Immer wieder haben die Sozialpädagogen in den zurückliegenden Jahren das Angebot angepasst und intensiviert: Ein Rechtsanwalt und ein Psychologe kommen regelmäßig ins Haus. Ein Bewohnerbeirat vertritt die Anliegen der Männer. Soziales Kompetenz-Training ist mittlerweile für alle Pflicht. 
Die, die nicht arbeiten oder in Ausbildung sind, müssen montags bis donnerstags zur Morgengruppe: „Damit sie nicht bis elf Uhr im Bett rumhängen“, sagt Anita Stich. „Tagesstruktur ist ganz wichtig.“ Beim Programm können die Teilnehmer Vorschläge machen: Mal gehen sie zusammen ins Museum, mal gibt es ein Kickerturnier, letztens ging es eine Woche lang um Weltreligionen, ein anderes Mal um Schulden. 
Seit acht Jahren können die Bewohner außerdem vor Ort Praktika machen: der Hauswirtschafterin in der Küche helfen oder den Hausmeister beim Zimmerstreichen und Parkettverlegen unterstützen. „Da könnten wir noch viel mehr Plätze gebrauchen, weil man ganz schnell entdeckt, wo die Probleme liegen und wie man sie angehen kann“, sagt Stich. Wie steht es mit der Pünktlichkeit? Mit der Selbstständigkeit oder der Zeiteinteilung? Maximal 18 Monate können die Bewohner im Bodelschwingh-Haus bleiben, so lange finanziert der Bezirk die Kosten. 
Danach ziehen sie in eine eigene Wohnung, in andere Einrichtungen, zu Freunden oder Verwandten. Ein paar müssen wieder in Haft, bei anderen wissen die Sozialpädagogen nicht, wie es weitergeht. Manche rufen nach Jahren an, weil „wieder etwas verrutscht ist“ und sie nach einer erneuten Haft Hilfe brauchen. „Das ist ein gutes Zeichen, dass sie sich melden, weil sie früher schon mal Hilfe bei uns gefunden haben“, sagt Stich. Und immer mal wieder tauchen ehemalige Klienten beim Sommerfest des Bodelschwingh-Hauses auf und erzählen von ihrer Familie, ihrer Arbeit und der eigenen Wohnung. Das ist eine Motivation, auch beim nächsten Klienten ganz genau hinzuschauen. 
 
Isabel Hartmann
 
BU: Bei den Praktika in der Hauswirtschaft oder in der Hausmeisterei lernen die Bewohner wichtige Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt.

Anita Stich betreut seit 19 Jahren im Bodelschwingh-Haus straffällig gewordene Männer.


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