05.07.2012 - Eine Brücke zwischen Straffälligen und ihren Familien

Als Anna Hubers* Sohn von der Arbeit kam, da hat die Polizei schon vor der Tür auf ihn gewartet: Verdacht auf Drogenhandel, Festnahme, Untersuchungshaft. Ihr Sohn kam in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim, das wusste Anna Huber, aber auf all ihre anderen Fragen hatte sie keine Antworten: Wie kann ich meinem Sohn im Gefängnis helfen? Was sage ich, wenn jemand nach ihm fragt? Mit wem kann ich sprechen?

So wie Anna Huber geht es vielen Angehörigen von Straffälligen – auch wenn ihre Probleme meist im Verborgenen bleiben. Über 60.000 Menschen sitzen derzeit in Deutschland im Gefängnis, ungefähr 1.500 davon in Stadelheim. Doch betroffen sind weitaus mehr Menschen – rund 500.000 Angehörige. Und die sind hauptsächlich weiblich.

Denn: 95 Prozent der Strafgefangenen sind Männer. Freundinnen, Ehefrauen, Kinder, Mütter stehen plötzlich alleine da, wenn ein Mann in den Knast wandert.

In Stadelheim hat Anna Huber Antworten auf ihre Fragen bekommen. Denn seit Anfang 2011 kümmert sich der Evangelische Beratungsdienst für Frauen im Rahmen des Projekts „mission innovation“ der Inneren Mission dort gezielt um die Angehörigen von Straffälligen. Enger Kooperationspartner und Mitinitiator des Angebots ist die Evangelische Gefängnisseelsorge; die Wurzeln der Zusammenarbeit reichen bis ins Jahr 2004 zurück.

Zweimal im Monat sitzt die Sozialpädagogin Elke Plattner an unterschiedlichen Besuchstagen mit der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Maria Maier* an einem Tisch im Besucherbereich der Justizvollzugsanstalt, in den man gleich nach dem Eingangsbereich gelangt. Ein Bereich, den auch Anna Huber gut kennt: „Hier kreuzen sich viele Wege, man muss erst durch den Sicherheitscheck, einige gehen zur Anmeldung, andere bringen die Taschen in die Schließfächer“, erzählt sie. Man sei in Trance, wisse gar nicht, was man zuerst machen soll. Und: „Der Umgangston der Beamten ist schon recht barsch, da freut man sich, wenn man ein freundliches Gesicht sieht.“

Elke Plattner und Maria Maier sprechen die Besucherinnen an – meist sind es die Partnerinnen der Insassen –, verteilen Flyer, stellen das Beratungsangebot vor, manchmal begleiten sie die Frauen zur Anmeldung oder sprechen mit ihnen, während sie vor dem Besucherraum warten. „Die Angehörigen wollen wirklich reden, oft dreht sich dabei alles um das Verbrechen“, haben die beiden festgestellt. Denn: Aus Scham erzählen sie niemandem, dass der Mann oder der Sohn im Gefängnis sitzt. Die sind dann eher „auf Montage in Dubai“, wenn neugierige Nachbarn fragen.

Zuhören und Trost spenden möchten die Beraterinnen, Vertrauen aufbauen – und den Frauen so ihre Würde zurückgeben. Sie erklären auch, wie das Gefängnisleben funktioniert: wie man den Gefangenen Post schickt, wie oft man sie besuchen kann, was man ihnen mitbringen darf.

Dabei arbeitet die Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks München eng mit Diakon Richard Strodel zusammen, der in Stadelheim Gefangene begleitet; die Kooperation zwischen Kirche und Diakonie klappt sehr gut: „Die Gefängnisseelsorge ist für uns ein Türöffner“, sagt Elke Plattner. „Wir können so den Angehörigen, die bislang zu wenig beachtet worden sind, ganz unbürokratisch psychosoziale Beratung anbieten.“

Eine Hilfe sei die Angehörigenberatung auch für ihn, findet Seelsorger Strodel. „So decken wir beide Seiten ab, sind eine Brücke zwischen den Strafgefangenen und ihren Angehörigen.“ Auch Anna Huber hat von dieser Verbindung profitiert: „Das ist eine stille Sicherheit, dass der andere gut aufgehoben ist“, findet sie.

 

420 Frauen haben die Beratung 2011 in Anspruch genommen. Zu der Seelsorge und Kurzberatung vor Ort kommen intensivere Beratungsgespräche beim Evangelischen Beratungsdienst. Denn der Mann fehlt der Familie nicht nur als Sohn oder Ehemann, sondern auch als Gesprächspartner, Vater, Verdiener. 2011 ging es in zwei Dritteln der 41 intensiveren psychosozialen Begleitungen um existentielle Nöte. „Viele Frauen sind erstmal in Schockstarre, glauben ihr Mann ist unschuldig und möchten zuerst das Urteil abwarten, bevor sie etwas tun“, hat Elke Plattner beobachtet.

Aber die Zeit tickt oft schneller als die Justiz: Mit dem Job des Mannes ist meist das Haupteinkommen weg, die Miete muss trotzdem bezahlt werden, sonst droht nach zwei Monaten die fristlose Kündigung. Und dann stehen oft noch Raten für Kredite an, die die Familie abbezahlen muss. „Da muss man schnell handeln“, sagt Elke Plattner.

Die Sozialpädagoginnen des Ambulanten Beratungsdienstes in der Schellingstraße 65 lotsen die Frauen durch den Behördendschungel, beraten sie bei Schulden oder helfen ihnen, Arbeitslosengeld II zu beantragen. Sie gehen auch mal mit auf Ämter, füllen Formulare aus und empfehlen Ferienangebote für die Kinder. Und wenn sie nicht weiterhelfen können, dann vermitteln sie an andere Beratungsstellen weiter, zum Beispiel an die Erziehungs- oder die Schuldnerberatung. Und versuchen so, den Frauen, die zu ihnen kommen, so viele Antworten wie möglich zu geben – damit sie nicht ganz alleine dastehen.

Interessenten können einen Beratungstermin unter der Telefonnummer 089 / 28 77 83 - 17 ausmachen oder eine E-Mail schreiben an: ev-beratungsdienst@hilfswerk-muenchen.de.

 *Namen von der Redaktion geändert
 
Isabel Hartmann

mission innovation: Der Evangelische Beratungsdienst für Frauen und die Gefängnisseelsorge betreuen Angehörige von Häftlingen.


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