05.04.2011 - Wenn das Vertrauen erschüttert ist

Alle zwei Wochen sitzen Irene Münzer-Trunk und ihre ehrenamtliche Helferin Elke Schmitter an einem Tisch im Eingangsbereich der Justizvollzugsanstalt Stadelheim und warten. Sie warten auf den richtigen Moment, um Angehörige anzusprechen, die einen der Insassen besuchen wollen. Und um ihnen Unterstützung anzubieten. 

 

„Für Strafgefangene selbst gibt es schon länger Hilfeangebote“, sagt Irene Münzer-Trunk, Sozialpädagogin beim Evangelischen Beratungsdienst für Frauen. „Aber die Angehörigen hatten überhaupt keine Lobby und waren bisher alleine mit ihren Sorgen.“ Deshalb hat der Evangelische Beratungsdienst im Rahmen der „mission innovation“ im Januar das Projekt „Angebot für Angehörige inhaftierter Männer“ gestartet.

 

„95 Prozent aller Inhaftierten sind Männer“, erklärt Projektkoordinatorin Münzer-Trunk. „Deswegen spreche ich fast ausschließlich Frauen an.“ Betroffen sind häufig Ehefrauen oder Mütter, aber auch Schwestern, Töchter oder Lebensgefährtinnen der Insassen. 

„Ihr Vertrauen ist total erschüttert, das Vertrauen in den Inhaftierten, die Justiz, die Polizei, das Leben an und für sich“, hat sie festgestellt. Oft erlebt sie, dass sich die Frauen an der Situation selbst die Schuld geben. Vor allem Scham ist das vorherrschende Gefühl der Frauen; manche schämen sich so sehr, dass sie nicht einmal mit ihrer Familie reden oder ihren Kindern erzählen, dass der Papa jetzt im Ausland arbeite.

 

„Vordringlich sind immer die seelischen Belastungen, erst danach kommen dann finanzielle Sorgen“, berichtet die sie. Wie soll es jetzt weitergehen? Was denken die anderen von uns? Soll ich mich scheiden lassen? Was sage ich den Kindern?

Eine Beziehung zu den Frauen aufzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen ist die schwierigste Aufgabe, findet Irene Münzer-Trunk. „Dafür ist es wichtig, dass wir wirklich persönlich vor Ort sind und nicht nur ein Poster oder eine Telefonnummer an der Wand hängen.“ Möglich macht das vor allem die Evangelische Seelsorge in Stadelheim, an die der Beratungsdienst offiziell angegliedert ist. „Das war die Voraussetzung für unseren Einsatz hier“, betont Irene Münzer-Trunk.

 

Bei den Gesprächen drückt sie den Frauen auch einen Flyer mit der Aufschrift „Mit Betroffen, Mit Gefangen“ in die Hand. Damit können sich die Frauen einen Überblick über das Beratungsangebot verschaffen: Möglich sind zum Beispiel ein vertrauensvolles Gespräch, Hilfe bei Schulden oder auch bei der Alltagsbewältigung.

 

15 bis 20 Kurzkontakte haben Münzer-Trunk und ihre Helferin bei jedem Besuch in Stadelheim. Damit sie möglichst viele Angehörige antreffen, findet das Angebot nicht an einem festen Nachmittag, sondern an verschiedenen Wochentagen statt. Acht Frauen haben sich seit Januar bei Irene Münzer-Trunk gemeldet, um einen Beratungstermin auszumachen – ein Zeichen dafür, dass der Evangelische Beratungsdienst für Frauen mit dem neuen Angebot eine Versorgungslücke schließt.

 

Interessenten können einen Beratungstermin unter der Telefonnummer 089 / 28 77 83 - 15/16 ausmachen oder eine E-Mail schreiben an ev-beratungsdienst@hilfswerk-muenchen.de. 

 

Julia Kreissl

 

Evangelischer Beratungsdienst für Frauen berät Angehörige von inhaftierten Männern


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