05.04.2011 - Vermittlerin zwischen zwei Welten

Im Gesprächszimmer der Beratungsstelle Mimikry stehen drei blaue Sessel um einen kleinen Tisch, in einem sitzt Araya Schneider. Ihr Name beginnt sehr fremd und endet sehr vertraut. Araya Schneider verbindet zwei Welten in sich, sie ist Thailänderin und mit einem Deutschen verheiratet, vor knapp sechs Jahren ist sie aus Bangkok nach München gezogen.

 

 

In Thailand hat sie Pharmazie studiert und in großen pharmazeutischen Firmen gearbeitet. „Damit wollte ich hier weitermachen“, sagt sie. „Aber es ist ganz anders gekommen.“ Jetzt unterrichtet sie Ausländer in Integrationskursen und nimmt an einer Dolmetscherschulung teil, damit sie für das Bayerische Zentrum für Transkulturelle Medizin in Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen übersetzen kann. Und nebenbei arbeitet sie als kulturelle Mediatorin bei der Prostituierten-Beratungsstelle „Mimikry“. Ehrenamtlich.

„Ich habe schon in Bangkok angefangen, Deutsch zu lernen“, erzählt Schneider. „Aber in Deutschland habe ich viel nicht verstanden.“ Für ein deutsches Pharmazie-Diplom hätte sie außerdem die Hälfte ihres Studiums noch einmal machen müssen. „Da hab ich mir gesagt: ‚Mal langsam.’“ Erst einmal wollte sie besser Deutsch lernen, und weil sie neben den Volkshochschulkursen noch Zeit hatte, engagierte sie sich bei einer Sozialberatungsstelle. So wurde Sabine Skutella auf sie aufmerksam.

 

Skutella ist die stellvertretende Dienststellenleiterin bei Mimikry, seit 20 Jahren berät sie anschaffende Frauen. Die meisten Prostituierten kommen aus Osteuropa, die größte nationale Gruppe sind aber die Thailänderinnen. Sie sind häufig „multiproblembeladen“, wie die Beraterinnen sagen: Viele sind mit einem Deutschen verheiratet und haben Probleme in der Ehe oder leben schon getrennt. Sie sind hier oft völlig isoliert, häufig haben sie auch schon in ihrer Heimat als Prostituierte gearbeitet. Hinzu kommen Schwierigkeiten, die auch viele andere Prostituierte haben, etwa Überschuldung oder Ärger mit Behörden.  

„Bei der aufsuchenden Arbeit haben wir gemerkt, dass die thailändischen Prostituierten zwar sehr nett zu uns waren, der Kontakt aber immer oberflächlich blieb. Gleichzeitig hatten wir den Eindruck, dass es ihnen nicht gut geht“, sagt Sabine Skutella. Also fragte sie Araya Schneider, ob sie helfen wolle.

 

Heute lacht die 44-jährige Thailänderin, wenn sie sich an diese Anfangszeit erinnert: „Ich war ein bisschen erschrocken, als ich gehört habe, um was es da geht. Ich hatte noch nie mit Prostituierten zu tun, das war eine andere Welt für mich.“ Sie war skeptisch, besprach sich mit ihrem Mann – der hatte Angst um seine Frau und war dagegen. Schneider sagte ab.

 

Doch Sabine Skutella gab nicht auf. Nach einem Jahr fragte sie noch einmal. „Wir wollten jemanden, der sich schon ein bisschen im deutschen System zurechtgefunden hat, der gut Deutsch spricht und Zeit hat, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das war eine Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen“, sagt Skutella. „Araya Schneider war unser letzter Rettungsanker.“

 

Bei der zweiten Anfrage sagte Schneider zu, es zu versuchen. „Ich hatte völlig andere Vorstellungen von dem, was mich erwartete“, sagt sie. Sabine Skutella nennt ihre erste Tour mit der Thailänderin „eine Offenbarung“. Schneider versteht die Dialekte der Frauen, die meist aus armen Regionen in Thailand kommen. Sie weiß, auf welchem Sprachniveau sie sie ansprechen muss, was entscheidend sein kann für das Vertrauen.

 

Und sie kennt ihre Mentalität: „Die Frauen lächeln immer, auch wenn sie große Probleme haben“, erklärt Schneider. „Sie schlucken ihre Sorgen hinunter und versuchen, sie selbst zu lösen, aber dadurch wird es nur schlimmer.“

Die thailändische Mediatorin bildet die Brücke zwischen den Prostituierten und den Beraterinnen. Araya Schneider ist nicht nur bei der aufsuchenden Arbeit in Prostitutionsbetrieben dabei, sondern auch bei den Beratungsterminen in der Dreimühlenstraße, bei Behördengängen oder beim Arzt.

 

„Ich will nicht mehr als Pharmazeutin arbeiten“, sagt sie heute. Ich freue mich, dass ich anderen Leuten helfen kann. Ich mache die Arbeit mit Herz. Und mein Herz ist glücklich.“ 

 

Susanne Hagenmaier

Die Thailänderin Araya Schneider ist kulturelle Mediatorin bei der Prostituierten-Beratungsstelle „Mimikry“


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