05.04.2011 - Hilfe für Taschengeldjungs

Schreibtisch statt Straße, Bildschirm statt Schwulenkneipe – wenn Nadine Schreiterer Streetwork macht, dann geht sie nicht auf die Straße, sondern setzt sich an den Computer. Und loggt sich in den Chat auf der Webseite von info4escorts ein. Die 24-Jährige ist Sozialpädagogin bei Marikas, einmal in der Woche berät sie Stricher online. Das Angebot ist Teil der gleichnamigen Info- und Beratungsseite für junge Männer, die mit Sex Geld verdienen.

 

Das bundesweite Projekt gibt es seit 2006: Damals stellten die Streetworker fest, dass sie immer weniger deutschsprachige Stricher an den typischen Plätzen zum Anbahnen – zum Beispiel in Kneipen oder in der Gegend rund um Bahnhöfe – getroffen haben. Der erste Kontakt hatte sich oft ins Internet verlegt. Und die Streetworker sind hinterher gezogen. 

 

Unter dem Namen info4escorts haben sich sieben Beratungsstellen für Stricher aus deutschen Großstädten zusammengeschlossen, darunter auch Marikas, eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks. Mittelpunkt des Projekts ist die Webseite: Dort gibt es praktische Tipps zum Anschaffen, zu Safer Sex und zu Geschlechtskrankheiten. Im Forum können sich die User untereinander austauschen – zu allem, was sie beschäftigt: Was mache ich, wenn sich ein Kunde in mich verliebt? Brauche ich einen Gewerbeschein? Bist Du als Escort glücklich? Dreimal in der Woche stehen zwei Sozialpädagogen im Chat – und sonst auch per E-Mail – bereit für Probleme und Anfragen aller Art.

 

„Infos für Taschengeldjungs“ steht über der Webseite des Projekts. So nennen Nadine Schreiterer und ihre Kollegen ihre Klienten. Denn oft werden diese anfangs auf der Straße, in Bars oder in Chatrooms angesprochen, ob sie sich mit bezahltem Sex etwas zum Taschengeld dazuverdienen wollen. „Manche betreiben ihr Business professionell und sind auch viel in Foren zum Austausch unterwegs“, hat die Marikas-Mitarbeiterin festgestellt. „Andere gehen der Prostitution nur gelegentlich nach und einige wenige sind von sexuellem Missbrauch betroffen“.

 

Die Besucher der Webseite sind überwiegend Jugendliche und junge Männer.  Gerade für Jugendliche gibt es oft zu viele Hürden auf dem Weg zu einer „realen“ Beratungsstelle. Da sie häufig nicht mobil sind, ist der Chat für sie oft die einzige Möglichkeit, Beratung in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt die Scham im direkten Kontakt über das Thema Sexualität zu sprechen. 

 

Deshalb ist bei der Chatberatung von info4escorts die Anonymität ganz wichtig: Um sich dort einzuloggen, müssen sich die Teilnehmer nur einen Nickname zulegen. Ein geschützter Raum soll der Chatroom sein – Freier, Frauen und Faker fliegen deshalb gleich raus, wenn sie entdeckt werden. Wenn ein Besucher ungestört reden möchte, können sich die Berater mit ihm in einen Einzelchat zurückziehen. Jede Woche sind die gleichen Sozialarbeiter zu den gleichen Zeiten im Chatroom – eine feste Anlaufstelle im manchmal so unsteten Leben der Stricher. 

 

Die kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen: Einige schauen nur mal kurz vorbei, ein paar holen sich praktische Tipps für die Arbeit, andere wollen einfach nur reden. Über ihre Lieblingsmusik, ihre Hobbys und, meist erst nach mehreren Chats, auch über ihre Probleme: Drogensucht, Ärger mit der Familie, Angst, sich mit HIV angesteckt zu haben. 

 

Vertrauen aufbauen steht am Anfang einer jeden Chatberatung. Denn viele der Taschengeldjungs sind sehr misstrauisch, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem Jugendamt oder der Polizei gemacht, sind bei ihrer Arbeit schon an Männer geraten, die sich als Streetworker ausgegeben und ihnen Hilfe versprochen haben – und dann doch nur Sex haben wollten.

 

377 Gespräche mit 63 Klienten haben Nadine Schreiterer und ihre acht Kollegen im vergangenen Jahr geführt. „Ein großer Teil der Gespräche dreht sich ums Anschaffen und die persönliche Situation der Klienten, bei einigen wenigen geht es um Missbrauch.“ Oft sind die Online-Berater die ersten, die davon erfahren. Deshalb heißt es für sie, genau hinzusehen: zwischen den Zeilen lesen und immer wieder vorsichtig nachhaken. 

 

Wie bei Christian*, zum Beispiel. Er kommt seit ein paar Monaten immer mal wieder in den Chat. Auf den Strich geht er, weil er Schulden abbezahlen muss. Mit Drogen entflieht er manchmal dieser Welt. Sein Ziel: wegkommen, erst von den Drogen und irgendwann mal auch vom Anschaffen. „In solchen Fällen zeigen wir den Jungs Wege auf, wie sie rauskommen können, entwickeln zusammen mit ihnen Strategien und stellen den Kontakt zu Notunterkünften und zu realen Beratungsstellen her“, erklärt Nadine Schreiterer. Denn genau hier hat der Chat seine Grenzen: Die Sozialarbeiter kennen oft die Identität ihrer Klienten nicht – Chatberatung ist für diese häufig ein erster Versuch, sich professionell und dennoch anonym Hilfe zu holen. 

 

„Es hilft nicht, die Jungen aus der gewohnten Umgebung, ihrem gewohnten Netzwerk, zu entreißen, wenn sie den daraus entstehenden Belastungen noch nicht gewachsen sind“, sagt die Sozialpädagogin. „Wenn ein Junge sein Leben ändern möchte – zum Beispiel aussteigen oder sich dem Missbrauch entziehen will – muss die Entscheidung dazu von ihm selber kommen.“ Auf dem Weg dahin stehen die Berater ihnen bei – oft über Jahre.

 

*Name von der Redaktion geändert

 

Isabel Hartmann

 

Foto: Kristina Gottlöber

Info4Escorts: Online-Beratung für Stricher


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