04.12.2012 - Neues Notprogramm bei unter null Grad

Die Landeshauptstadt München hat angesichts des bevorstehenden Winters ein umfangreiches Kälteschutzprogramm für Obdachlose – vorwiegend für Menschen aus Süd- und Osteuropa – ins Leben gerufen. Der Sozialausschuss hat das Evangelische Hilfswerk (EHW) Anfang November einstimmig beauftragt, dieses vorerst bis zum Jahr 2015 befristete Vorhaben umzusetzen. 

Den Betrieb des Kälteschutzraums während der Wintermonate sowie eine ganzjährige sozialpädagogische Beratung lässt sich die Stadt insgesamt rund eine halbe Million Euro pro Jahr kosten; rund 370.000 Euro davon gehen an das Hilfswerk. Umbaumaßnahmen und Erstausstattung schlagen einmalig mit zusätzlichen 220.000 Euro zu Buche.
Konkret geht es um etwa 170 Schlafplätze, die das Sozialreferat in einem Gebäude in der ehemaligen Bayern-Kaserne in Freimann angemietet hat und die vom EHW betreut werden sollen. Damit soll sichergestellt werden, dass bei Temperaturen unter null Grad niemand erfriert, der sich gerade in der Weltstadt mit Herz aufhält und keinen festen Wohnsitz hat. Für Familien gibt es Zimmer mit sechs bis acht Betten; Alleinlebende werden in Vierbettzimmern untergebracht, Paare in Doppelzimmern.
Sobald der Deutsche Wetterdienst für die bevorstehende Nacht Temperaturen von unter null Grad ankündigt oder starken Schneefall und andere widrige Witterungsbedingungen, öffnet das Wohnungsamt die Türen zu der Notschlafstelle in der Bayern-Kaserne. Zwischen 17 Uhr und 9 Uhr am anderen Morgen gibt es dann einen Platz im Warmen – in der Regel allerdings nur für eine Nacht. Hier sind auch Duschmöglichkeiten vorhanden sowie Handtücher, Bettwäsche und Hygieneartikel.
Ein Wachdienst sorgt für Ruhe in der Nacht. Bevor sie die Unterkunft am Morgen verlassen, bekommen die Bedürftigen noch etwas zu essen und zu trinken. Ergänzend bietet das Hilfswerk-Team für „unterbringungsmäßig unterversorgte Migrantinnen und Migranten“ ganzjährig noch eine Beratung über das Münchner Hilfesystem an, in der geklärt werden soll, ob überhaupt Chancen für einen längeren Aufenthalt in München bestehen. 
Neben individueller Information gilt es, Perspektiven aufzuzeigen und als notwendig erkannte Hilfen hier in München oder im Heimatland darzulegen. Da ein dauerhafter Aufenthalt voraussichtlich in nur wenigen Fällen möglich sein wird, bekommen die Ratsuchenden hier auch Fahrkarten, um in die Heimat zurückzukehren. Die Kosten dafür trägt ebenfalls die Stadt.
Anton Auer, Bereichsleiter beim Evangelischen Hilfswerk, weiß, dass die Menschen, die im Kälteschutzraum künftig untergebracht werden sollen, eigentlich gar keinen Anspruch auf städtische Hilfen hätten. „Viele von ihnen kommen aus den neuen EU-Mitgliedsländern in Ost- oder Südosteuropa oder haben als Deutsche noch keine sechs Monate in München gelebt.“
Dass sich die Stadt mit dem neuen Projekt nun gezielt um genau diesen Personenkreis kümmert, sei ihr „nicht hoch genug anzurechnen“. Schließlich sei das bewährte Münchner Unterbringungssystem, das derzeit rund 3.100 wohnungslosen Menschen längerfristig ein Dach über dem Kopf verschafft, „komplett an seine Grenze gekommen“, so Auer. Aufgrund langfristiger Wetterbeobachtungen geht der Sozialpädagoge davon aus, dass die Notunterkünfte an rund 100 Nächten pro Jahr geöffnet sein werden.
Doch Auers Problem sind derzeit nicht die bevorstehenden Minusgrade, sondern die Sozialpädagogen, die er braucht, um den Auftrag der Stadt umzusetzen. Idealerweise sollten sie nämlich eine osteuropäische Sprache – rumänisch, polnisch oder bulgarisch – beherrschen. „Wir haben uns schon vor dem offiziellen Stadtratsbeschluss nach geeigneten Leuten umgesehen; das ist ja wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“ Falls er niemanden mit dieser zusätzlichen Qualifikation findet, muss das Hilfswerk auf Sprachmittler ausweichen. „Doch die sind schwer zu bekommen – vor allem nachts, wenn man jemanden überzeugen muss, dass er seinen Platz unter der Brücke dringend verlassen muss.“
Auch Ehrenamtliche, die am Morgen helfen, das Frühstück auszugeben, sucht Anton Auer noch dringend. Wer sich engagieren will, bekommt nähere Informationen unter Telefon 089/ 77 10 84.
 
Klaus Honigschnabel
 
BU: 170 Notschlafplätze hat die Stadt München jezt geschaffen; das Evangelische HIlfswerk setzt das Kälteschutzprogramm um.
Foto: Erol Gurian

Die Landeshauptstadt beauftragt das Evangelische Hilfswerk mit einem umfangreichen Kälteschutzprojekt für Obdachlose.


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