04.10.2012 - Ich weiß, dass ich hier angenommen werde

Der Weg in die Obdachlosigkeit kann sehr kurz sein, der Weg zurück in die eigene Wohnung dauert meistens um einiges länger. So wie bei Harriet Myers*. Vor vielen Jahren kam sie nach München, hat dort Mineralogie studiert, danach in wissenschaftlichen Projekten gearbeitet. Ihre Verträge waren immer befristet, mal verdiente sie ganz gut, dann wieder gar nichts. Irgendwann konnte sie ihre Miete nicht mehr zahlen, plötzlich stand sie auf der Straße.

Damit begann eine Odyssee: Sie wohnte erst bei Freunden, dann in einer Obdachlosenpension, schließlich floh sie nach La Reunion, zu ihrer Familie. „Doch meine Probleme haben mich auch dort eingeholt“, erinnert sie sich. Wieder in München fand sie Unterschlupf in einem Priesterseminar, doch: „Meine Hoffnung war lauwarm geworden“, erinnert sie sich. Irgendwann hat sie den Tipp bekommen, beim Beratungsdienst für Frauen des Evangelischen Hilfswerks vorbeizuschauen.

In der Ambulanten Beratung kümmern sich fünf Sozialpädagoginnen um Frauen mit und ohne Kinder, die obdachlos oder von der Wohnungslosigkeit bedroht sind. 452 Frauen kamen im vergangenen Jahr in die Beratungsstelle in der Schellingstraße 65. Die Beraterinnen helfen dabei, eine eigene Wohnung zu finden oder diese zu erhalten, Schulden loszuwerden, finanzielle Ansprüche geltend zu machen und vermitteln gegebenenfalls auch an weitere Beratungsstellen oder betreute Wohnangebote. Denn oft ist die Wohnungslosigkeit mit einem Paket an Problemen verbunden: Arbeitslosigkeit, Armut, Probleme in der Familie, psychische Probleme, Alkohol- oder Drogensucht. Für die Frauen ist ihre Wohnungslosigkeit traumatisch, Einsamkeit und Scham sind ständige Begleiter.

„Wie ein Häufchen Elend“ sei Harriet Myers bei ihrem ersten Besuch in der Beratungsstelle dagesessen, erinnert sich Birgit Zimmermann. Zusammen haben die beiden überlegt, wie es weitergehen kann. Sie haben Anträge auf Sozialleistungen ausgefüllt und beim Wohnungsamt eine Wohnung beantragt. Genauso wichtig waren für Harriet Myers die „Durchhalteparolen“ von ihrer Beraterin – und der Kontakt zu einer Psychologin, den sie ihr vermittelte. „Wenn man obdachlos ist, fühlt man sich wie vor Gericht gestellt“, sagt Harriet Myers. „Hier weiß ich, dass ich angenommen werde.“ Vor Kurzem hat sie eine Wohnung gefunden.

Birgit Zimmermann und ihre Kolleginnen begleiten ihre Klientinnen oft über Jahre, das ist das Besondere an der Beratungsstelle: Die Frauen können immer und so lange kommen, wie sie Hilfe benötigen – egal, ob sie obdachlos sind, der Verlust der Wohnung droht oder sie schon eine eigene Wohnung gefunden haben. Susanna Vincent* kommt seit 2010 regelmäßig zum Evangelischen Beratungsdienst. Seit drei Monaten hat die 64-Jährige eine eigene Wohnung.

Der Weg dahin war nicht leicht: Nach 25 Jahren komplizierter Ehe ist sie von zuhause ausgezogen. Zehn Jahre lang hatte sie bei ihrer Mutter gewohnt und für sie gesorgt, als diese langsam immer dementer wurde. Doch dann hat ihr Bruder die Mutter in ein Heim geschickt, die Wohnung gekündigt, alle Möbel abgeholt. Erstmal ist sie bei der Nachbarin untergeschlüpft, beim Frauenobdach Karla 51 fand sie schließlich für drei Monate ein Dach über dem Kopf und Unterstützung. Sie zog dann in die Wohnung einer Schulfreundin, bis sie sie wegen Eigenbedarfs wieder verlor.

In der ersten Zeit in den eigenen vier Wänden hat Zimmermanns Kollegin von den Integrationshilfen Susanna Vincent intensiv begleitet, zum Beispiel mit ihr die Nachbarschaft erkundet und das Sozialbürgerhaus besucht. „Jetzt brauche ich nicht mehr so viel Hilfe“, sagt Susanna Vincent. Jetzt bekommt sie bei der ambulanten Beratung Hilfe, beim Formulare-Ausfüllen zum Beispiel und der Kommunikation mit dem Jobcenter. Ein großes Projekt steht in naher Zukunft an: der Rentenantrag. „Das ist eine Wissenschaft für sich“, sagt Birgit Zimmermann.

Es geht den Beraterinnen nicht nur um den Weg in eine eigene Wohnung, sondern auch um das soziale Netzwerk: dass sich die Frauen angenommen fühlen, aus ihrer Einsamkeit herausfinden, Kontakte knüpfen, wieder am Leben teilhaben. So wie Susanna Vincent. Sie ist viel unterwegs, zum Beispiel bei Angeboten des Evangelischen Beratungsdienstes. Ihr persönliches Highlight: Der Kulturraum, eine Initiative, die an bedürftige Menschen kostenlose Karten fürs Theater, Konzert oder Kino vermittelt „Ich war 40 Jahre lang nicht mehr im Theater“, sagt Susanna Vincent. „Jetzt gehe ich fast jede Woche.“

Isabel Hartmann
* Namen von der Redaktion geändert

Der Evangelische Beratungsdienst für Frauen hilft auf dem Weg zurück in die eigenen vier Wände.


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