04.07.2013 - Guade Leit vergisst ma ned so schnell

Der Nebeneingang einer Kirche als Dach über dem Kopf, Isomatten und viele Decken als Bett und eine Tasche als Kleiderschrank. Das war Josefs letzte Station. Ein Jahr lang war der 57-Jährige in Giesing „auf Platte“ zuhause. „Die Leit ham a Hauffa Zeig bracht“, erzählt er über diese Zeit und seine blauen Augen blitzen dabei. Mal eine Thermoskanne mit heißem Tee, mal eine Schüssel mit Spaghetti. Der Pizzaservice um die Ecke hat ihn mit Pizza versorgt, der Mesner immer mal wieder nach ihm geschaut. Einmal in der Woche kam das Arztmobil vorbei. 

Josef (Foto) hatte es sich gut eingerichtet in Giesing – und doch haben das lange Leben auf der Straße und der Alkohol Spuren hinterlassen: Die Gesundheit war angeschlagen. Er hat viel vergessen, konnte Situationen nicht mehr einschätzen: Dann lag er bei minus fünf Grad – und mit einigen Promille Alkohol im Blut – nur mit einer dünnen Decke da. Es gab Momente, da wusste er, dass es für ihn besser wäre, in eine Unterkunft zu gehen. Aber die hatte er in schlechter Erinnerung: starre Regeln, schwierige Zimmernachbarn, unfreundliche Betreuer.
Wie bringe ich jemanden dazu, in eine Unterkunft zu ziehen, wenn sein Leben auf dem Spiel steht? Und was können wir machen, dass er sich dort wohlfühlt und länger bleibt? Vor dieser Aufgabe steht Renata Zadro-Galic öfter. Seit 2008 arbeitet sie als Streetworkerin bei der Teestube, seit Oktober 2012 ist die 34-Jährige für das Projekt Case Management unterwegs. Das Projekt gibt es seit gut anderthalb Jahren; die Teestube „komm“, eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks München, und der Katholische Männerfürsorgeverein setzen es gemeinsam um. Vier Sozialpädagogen – auf zwei Vollzeitstellen – helfen den Menschen, eine dauerhafte Bleibe zu finden, die bisher durch das Netz der Wohnungslosenhilfe gefallen sind. 
Rund 20 dieser „Grenzgänger“ betreuen Zadro-Galic und ihre Kollegen. Menschen, die schon lange – oft seit Jahrzehnten – auf der Straße leben. Die viele Stationen gemacht haben – in Notunterkünften, auf der Straße oder bei Freunden –, aber nirgendwo ausgestiegen sind aus der Obdachlosigkeit. Die oft psychisch krank sind, ein Suchtproblem haben oder aggressiv gegen sich oder andere sind.
Josef ist einer von ihnen: In Niederbayern ist er groß geworden, in der Landwirtschaft hat er gelernt, „aber des wollt I ned werdn.“ Irgendwann ist es ihm „zu eng worn“, er hat den Koffer gepackt und ist nach München gegangen. Dort hat er sich mit Jobs durchgeschlagen, in einer Gärtnerei, in einer Molkerei oder als Hausmeister. Er hat geputzt und Rasen gemäht. Wenn er aus seinem Leben erzählt, dann tauchen viele Adressen von Wohnheimen und Notunterkünften auf. Umgezogen ist Josef oft, doch ausgehalten hat er es nirgendwo lange. 
Viel Geduld brauche man, sagt Zadro-Galic. Um Vertrauen aufzubauen, um irgendwann gemeinsam mit den Grenzgängern den Schritt aus dem Leben auf der Straße zu machen. Immer wieder hat sie Josef in Giesing besucht. Erst war sie eine von den „Strietwöakan von der Teestube“ für ihn, irgendwann dann „die Renata“. Die beiden sind stundenlang auf der Bank gesessen und haben geredet: über die Teestube, über Josefs Leben, über seine schlechten Erfahrungen in den Wohnheimen. Und Zadro-Galic hat im Gespräch immer wieder nachgefühlt, was er braucht, wo er sich wohlfühlen könnte. Irgendwann hat Josef dann von einem Sozialpädagogen erzählt, den er in der Notunterkunft in der Pilgersheimer Straße getroffen hatte – vor mehr als 20 Jahren. „Des war ganz an Netta“, sagt er. „Guade Leit vergisst man ned so schnell.“
Der Sozialpädagoge von damals heißt Manfred Baierlacher und leitet heute ein Männerwohnheim des Katholischen Männerfürsorgevereins. Renata Zadro-Galic hat ihn dann einfach gefragt, ob er mal mit zu Josef kommen wolle und einen Platz in seiner Einrichtung für ihn frei hätte. Gemeinsam haben sie sich auf die Suche nach Josef gemacht, im Park, auf den öffentlichen Klos. „Da ist die Renata einfach reinspaziert und hat gerufen ‚Josef, bist Du da’“, erzählt Baierlacher. Einen Riesenrespekt für die Streetworker habe er. „Bei Regen und Wetter im Einsatz, die Arbeitsbedingungen muss man mögen.“ 
Kurze Drähte innerhalb der Wohnungslosenhilfe, viel Flexibilität und ungewöhnliche Wege gehören zum Projekt Case Management. Gut und unkompliziert sei die Zusammenarbeit zwischen den Trägern, sagen Zadro-Galic und Baierlacher. Man kennt sich und hilft sich. Ab und zu hospitieren Sozialpädagogen des Wohnheims in der Teestube und bei ihren Streetworkern. 
Wenn ein Bewohner mal am Abend nicht zurück ins Wohnheim kommt, halten die Streetworker der Teestube Ausschau nach ihm. Oder wenn die Case Manager dringend einen Platz brauchen, dann schauen die Kollegen vom Katholischen Männerfürsorgeverein, was sie tun können. 
Für Josef haben sie kurzfristig ein Zimmer im Männerwohnheim in der Kyreinstraße reserviert, das eigentlich renoviert werden sollte. 50 Männer wohnen in dem Haus, zu zweit oder alleine im Zimmer; 30 Prozent von ihnen kommen direkt von der Straße. Seit November 2012 lebt Josef dort: au etwa acht Quadratmetern, Bett, Tisch mit Fernseher, Regal mit Kochtopf drauf – „Nudeln mit Bratensoß“, selbst gekocht. Auf dem Bett liegt ordentlich eine braune Fleecedecke mit Katzengesicht. Die hat Josef von der Platte mitgenommen, „der Rest is futsch.“ Senf und Wurst hat er auf dem Fensterbrett gebunkert. Und einen Kuchen gekauft – „extra für die Renata“. 
Einmal die Woche kommt Renata Zadro-Galic zu Besuch. „Die Gespräche tun ihm gut“, sagt sie. Auch das ist Teil des Case Managements: dranbleiben und auch den Kontakt halten, wenn die Klienten im Wohnheim oder einer Wohngemeinschaft leben, bis sie wirklich angekommen sind. „Das gibt den Männern das Gefühl, dass sie nicht abgeschoben werden, sie kommen sich in einer neuen Einrichtung nicht so verloren vor“, sagt Manfred Baierlacher.
„I war lang auf der Straß“, sagt Josef. „I muss mi erst gewöhnen.“ An den eigenen Schlüssel, ans Einkaufen, ans Kochen, ans Wäschewaschen. Mit dem Zimmernachbarn muss er klarkommen und  mit der Fernbedienung für den Fernseher auch. 
Der Weg von der Platte in eine feste Bleibe ist nicht immer einfach. Josef geht ihn in kleinen Schritten – und mit der Hilfe von Renata Zadro-Galic und den Mitarbeitern des Männerwohnheims. Im Dezember war er auf Entzug in Haar. Seit dem 3. Januar ist er wieder in der Kyreinstraße – und immer noch trocken. „Jeder Tag ohne Alkohol ist ein gewonnener Tag“, sagt Manfred Baierlacher. Jetzt steht ein weiterer Schritt in Richtung normales Leben an: neue Zähne. Sein altes Gebiss ist Josef irgendwann „in die Isar gfoin.“ Jetzt bekommt er ein neues. Drei Zähne hat der Zahnarzt ihm schon gezogen, nächste Woche wird der Abdruck gemacht.
 
Isabel Hartmann 

 

Im Projekt "Case Management" arbeiten der Katholische Männerfürsorgeverein und das EHW zusammen.


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