04.07.2012 - Das persönliche Wiederaufbauprogramm

Am Beratungstisch in der Außenstelle der Teestube „komm“ in der Rosenheimer Straße sitzt ein Kämpfer. Mark Gruber* war jahrelang heroinabhängig und hat eine kriminelle Jugend im südafrikanischen Drogenmilieu hinter sich. In seiner unteren Gesichtshälfte wurde ihm ein großes Stück des Kiefers entfernt; das Herz ist schwach, an manchen Tagen gehorchen ihm seine Beine nicht. Aber er sitzt hier und will sich helfen lassen. Mit 41, findet er, „ist es schon spät, aber nicht zu spät“.

Mark Gruber bezieht Hartz IV, er hat Schulden und will bald Privatinsolvenz anmelden. Das Problem ist nicht, dass er nicht arbeiten will – bisher hat er immer Jobs gehabt, die zum Leben und früher auch für die Drogen reichten. Aber sein Körper spielt nicht mehr mit. Erst wenn er gesund ist, ist an Arbeit wieder zu denken. Aber wann das ist? Wer weiß das schon.

Mark Gruber wuchs im südafrikanischen Johannesburg auf, seine Eltern stammen aus Deutschland. Als sich die Eltern trennten, ließ die Mutter den Zwölfjährigen bei seinem alkoholkranken Vater zurück. Die folgenden Jahre verbrachten die beiden vor allem in Kneipen. Eine Straßengang bot dem 14-Jährigen schließlich Schutz und Drogen gegen die Einsamkeit; als Gegenleistung half er bei Einbrüchen und Diebstählen.

Irgendwann floh er aus Südafrika. Sein neues Zuhause wurde der Augsburger Königsplatz, Treffpunkt für Obdachlose und Drogenabhängige. Aber er kämpfte sich zurück in eine eigene Wohnung und zu einer Arbeit als LKW-Fahrer und Lagerist.

Die ersten Jahre des neuen Jahrtausends führte Gruber ein Doppelleben. „Es gab Leute, die mich als Abhängigen kannten, und solche, die gar nichts wussten“, erinnert er sich. Gruber arbeitete oft 15 Stunden am Tag, verdiente gut und konnte sich so seine Drogensucht finanzieren – bis er seinen Führerschein verlor.

Er machte eine Entgiftung, ließ sich im Krankenhaus die Abszesse entfernen, die sich durch das Spritzen gebildet hatten, und ging für ein halbes Jahr in Therapie. Danach versuchte er in München einen Neuanfang. Er zog zu seiner Mutter, fand Arbeit bei einer Autolackiererei und stieg von Heroin auf das Drogenersatzmittel Methadon um.

„Ich bin gemocht worden in der Arbeit“, erzählt er. Und weil er in der Therapie gelernt hatte, dass man offen sein soll, hat er nach zwei Jahren allen Mut zusammengenommen und seinem Chef alles erzählt. „Seit dem Tag ging’s bergab“, erinnert sich Gruber. Kollegen wandten sich von ihm ab, tuschelten. Und der Körper begann zu streiken. Bakterien zerstörten ein großes Stück seines Kieferknochens. „Die Schmerzen waren grauenvoll.“ Als seine Mutter für längere Zeit nach Südafrika flog, nahm sie ihrem Sohn die Wohnungsschlüssel weg. Gruber war wieder obdachlos.

Erst seit drei Jahren geht es langsam ein wenig aufwärts. Mark Gruber bekam ein Bett in einer Obdachlosenpension und später eine Wohnung im Münchner Norden; über eine Bekannte landete er schließlich bei Manuela Neumeyer. Sie arbeitet bei der Teestube „komm“ des Evangelischen Hilfswerks München.

„Als er zu mir kam, hatte er neben all den Krankheiten noch Mietschulden, Schulden bei den Stadtwerken und das Arbeitslosengeld war eingestellt worden“, sagt sie. Seit Gruber in das Betreuungsprogramm „Unterstütztes Wohnen“ aufgenommen worden ist, bekämpfen sie gemeinsam seine Probleme, eins nach dem anderen.  

Aber der Schuldenberg der vergangenen Jahre ist einfach zu groß. Jetzt bereitet er die Privatinsolvenz vor. Nebenbei muss er noch täglich zur Substitution – und sich um seine Gesundheit kümmern: Das fehlende Kieferstück muss ersetzt werden, verstopfte Gefäße in den Beinen müssen operiert werden. Mark Grubers Vorstellung von der Zukunft lässt sich in drei Worte fassen: Clean, gesund, schuldenfrei. Es wäre ein riesiger Erfolg.

Foto / Text: Susanne Hagenmaier

*Name von der Redaktion geändert

Ein ehemals heroinabhängiger Obdachloser kämpft, um sich sein Leben zurückzuholen.


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