02.12.2012 - Oft wie Streetwork, nur intensiver

Als Walther Meier* zu Markus Blaszczyk, Streetworker bei der Teestube, kam, hatte er eine Odyssee hinter sich: Vor zwei Monaten war er aus einem Wohnheim für Obdachlose geflogen, von dort ging er direkt zum Entzug in die Klinik. Danach hat er immer wieder in Notunterkünften und bei Kumpels übernachtet, oder auch mal draußen „Platte gemacht“.

Walther Meier ist ein Grenzgänger. So heißen im Sozialpädagogen-Jargon die Männer und Frauen, die viele Stationen in der Wohnungslosenhilfe durchlaufen haben, aber dort nie für längere Zeit geblieben sind: Weil sie immer wieder rausgeflogen oder selber gegangen sind. Weil sie mit den Regeln oder der Umgebung in den Notunterkünften, Wohnheimen und städtischen Pensionen nicht klarkommen konnten oder wollten. Weil sie bei Beratungsstellen zwar Hilfe gesucht aber dann nicht angenommen haben.

Seit Oktober 2011 gibt es in München das Projekt „Case Management“, das diejenigen auffangen soll, die bisher durch das Netz der Wohnungslosenhilfe gefallen sind. Gemeinsam setzen es die Teestube „komm“, eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks München, und der Katholische Männerfürsorgeverein um. Sozialpädagogen begleiten die Grenzgänger über eine längere Zeit und helfen ihnen intensiv, eine geeignete, dauerhafte Bleibe zu finden: einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft zum Beispiel oder in einer geeigneten Langzeiteinrichtung.

Denn bei vielen Grenzgängern ziehen sich – so wie bei Walter Meier – die Wohnungslosigkeit und der ständige Wechsel wie ein roter Faden durch das Leben. Dahinter steckt meist ein ganzes Bündel an Problemen: Das sind oft psychische Krankheiten, viele der wohnungslosen Männer und Frauen sind alkoholkrank, aggressiv gegen andere oder sich selber. Einige leben schon Jahrzehnte auf der Straße. „Manchmal sind sie so in ihrer eigenen Welt gefangen, dass es schwierig ist, dorthin vorzudringen“, sagt Markus Blaszczyk. 

Deshalb ist er froh, dass er und seine Kollegen bei diesem pauschal finanzierten Angebot vergleichsweise viel Zeit haben, mit ihren Klienten zu arbeiten. So müssen sich vier Sozialpädagogen auf zwei Vollzeitstellen um „nur“ bis zu zwanzig Obdachlose kümmern; die Case Manager der Teestube Markus Blaszczyk und Renata Zadro-Galic betreuen derzeit fünf Männer und drei Frauen. 

„Wir können sie intensiv an die Hand nehmen und begleiten“, sagt Blaszczyk. Dazu gehört, geduldig zuzuhören, Vertrauen zu gewinnen, den Problemen auf die Spur zu gehen und dann „kreative Lösungen“ zu finden. Wichtig dabei: „Es macht keinen Sinn, sich tolle Sachen auszudenken, wenn der Klient nicht mitmacht“, sagt Blaszczyk. 

Viel Fingerspitzengefühl müssen die Grenzgänger-Betreuer haben und das Hilfesystem gut kennen, um die Bedürfnisse ihrer Klienten zu erkennen und zu erfüllen. So wie bei Walther Meier. Gemeinsam mit Markus Blaszczyk hat er sich ein Ziel gesteckt: Vom Alkohol möchte er loskommen und in einer betreuten Wohngemeinschaft leben. Markus Blaszczyk begleitet ihn auf dem Weg dahin: Er geht mit zum Wohnungsamt und zum Jobcenter, ruft bei Einrichtungen an, vermittelt in eine Therapie oder an die Schuldnerberatung. 

Die Case Manager unterstützen ihre Klienten da, wo sie gerade sind: auf der Straße, in einer Therapieeinrichtung, im Knast oder im Krankenhaus. So laufen die Informationen bei einer Bezugsperson zusammen und nicht jede Einrichtung muss wieder bei Null anfangen. Auch wenn die Grenzgänger dann in einer Einrichtung oder einer eigenen Wohnung leben, halten die Case Manager weiter Kontakt, telefonieren regelmäßig oder kommen zu Besuch. Um zu schauen, ob alles klappt – solange, bis sie davon ausgehen können, dass die Grenzgänger wirklich angekommen sind.

Denn der Weg zum Ziel ist nicht immer ein gerader. Einige Klienten tauchen immer wieder für eine Weile ab, einer sitzt gerade im Knast. Und wenn Markus Blaszczyk eine Wohnung für seine Klienten finden möchte, dann ist das wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. „Auch das Case Management kann der Wohnungslosigkeit nicht auf Anhieb abhelfen, aber wir können die Menschen begleiten und für sie da sein“, sagt er. So wie bei Walther Meier. Ihm hat Markus Blaszczyk letztens  beim Umzug geholfen –  in eine betreute Wohngemeinschaft. 

 Isabel Hartmann

* Name von der Redaktion geändert

Foto: Erol Gurian

Teestube geht neue Wege in der Wohnungslosenhilfe.


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