02.08.2014 - Wahre Schönheit hat auch etwas mit Ehrlichkeit und Mut zu tun

„Kunst ist eine eigene Sprache“, sagt Andrea Lesjak. Seit 2012 leitet sie die Kunstgruppe im Wohnheim des Evangelischen Beratungsdienstes für Frauen. Dort leben – bis zu anderthalb Jahre lang – 22 wohnungslose Frauen. In dieser Zeit unterstützen Sozialpädagoginnen sie intensiv, damit sie ihre eigenen Probleme angehen und wieder Fuß im Leben fassen. 

Ein wichtiger Teil der Hilfe ist ein tagesstrukturierendes Kursprogramm: Die Bewohnerinnen können sich weiterbilden, Schlüsselkompetenzen für ihr berufliches Vorankommen entwickeln oder Sozialverhalten in einer Gruppe zu trainieren. „Gerade die aktive künstlerische Arbeit bietet eine wichtige Möglichkeit, mehr über sich zu erfahren und mit anderen in Kommunikation zu treten“, sagt Sozialpädagogin Maria Dennerlöhr. 

Seit April 2012 experimentiert eine Gruppe von Frauen einmal wöchentlich in dem Workshop „Grafische Techniken“ mit diversen Materialien und Themen. Dabei sind die Collagen und Videos zu der Ausstellung „Chillichicks present: Männerträume“ im KontakTee entstanden. 

Unterstützung bekam die Gruppe von den Künstlern Ruth Detzer, Nicolai Leicher und Zoro Babel. „Durch die Zusammenarbeit mit Profi-Künstlern und mit gemeinsam geplanten Ausstellungsprojekten versuchen wir, den geschützten Raum des Wohnheims vorübergehend zu verlassen“, sagt Andrea Lesjak. Hier erzählen die Teilnehmerinnen von der Kunstgruppe und der Ausstellung. 

Warum nennen Sie sich Chillichicks?

L.T.: Aus Sicht der Frauen stehen die Chillichicks für starke und freche Gören. Sie wollen nicht einem bestimmten Bild der Frau entsprechen, lassen sich darauf gar nicht ein.

Warum gehen Sie zur Kunstgruppe? 

N.M.: Das selbstständige Arbeiten macht Spaß! Man kann der Phantasie freien Lauf lassen und Aggressionen ausleben. Einfach was Freches machen, sonst muss man ja immer so brav bleiben.

C. K.: Hier darf ich mich künstlerisch austoben. Es ist eine Art Gehirntraining, es geht um den Prozess und nicht nur um die Ergebnisse. Man tut etwas, probiert viel aus, dann stellen sich viele Fragen. Manchmal fällt einem nichts mehr ein, dann lässt man es liegen und erst beim nächsten Mal, mit Abstand, findet man wieder neue Denkansätze.

Wie ist es für Sie, in der Gruppe zu arbeiten?

L.T.: Man spürt die Unterschiede in Kultur, Alter und Lebenssituation nicht als Grenzen der Kommunikation, wenn man sich gemeinsam auf künstlerische Vorgänge konzentriert. Frau Lesjak kann uns vermitteln, dass sie an uns interessiert ist und an dem, was wir tun. Sie will, dass wir den Mut haben, zu uns zu kommen und das zu machen, was uns gefällt und dann ist es auch gut. Dabei macht sie keinen Unterschied zwischen Profis und Laien. Sie hat eine Künstlerin zu uns eingeladen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigt. Sie hat uns auch gezeigt, wie sie arbeitet und wir haben mit ihr unsere Bilder besprochen. Jetzt stellen wir alle gemeinsam aus.

Sie haben mit Bildern aus Modezeitschriften gearbeitet: Was ist für Sie persönlich Schönheit? 

L.T.: Vergänglich und Ansichtssache. Schön aussehen und schön sein – wenn man sich selbst nicht schön fühlt, wirkt man nicht schön. Wahre Schönheit hat auch etwas mit Ehrlichkeit und Mut zu tun! Beim „schön aussehen“ geht es auch um Macht. Diese Schönheit ist vergänglich, eine Fassade, wenn sie sich auf die Kriterien des Gegenübers ausrichtet.

C.K: Schönheit ist relativ. Sie ist abhängig von der Tagesverfassung, von Befindlichkeiten. Es geht nicht nur um die äußere Hülle, sondern um die innere Schönheit, ohne die nichts nach außen strahlen kann. Natürlich verfällt man der Werbung trotzdem und will sich identifizieren. Werbung lockt.

Was ist Kunst für Sie?

N.M.: Kunst ist kein Produkt, sondern ein Projekt. Es geht um Phantasie und Austausch, es geht darum, gemeinsam etwas zu gestalten, Gefühlen freien Lauf zu lassen, Bilder zu finden und darüber zu sprechen.

C.K.: Auch wenn man sich der Beeinflussung von den Medien bewusst ist, ermöglicht die Kunst, einen Dialog mit sich selbst zu führen. Man kann Gedanken oder Gefühle zu Papier bringen oder es formulieren sich innere Ideen wie von selbst. Man bekommt Feedback oder ist stolz auf das Entstandene. So kann man sogar selbst und vor allem aktiv psychisch schwierige Zustände erkennen und verarbeiten. Kunst ist wie die Skulptur in unserem Park. Man geht jeden Tag daran vorbei, übersieht sie und manchmal entdeckt man Neues.

Evangelischer Beratungsdienst für Frauen: Kunstgruppe stellt "Männerträume" aus.


zurück